Schirmherrin der Tage des Exils 2016:         Herta Müller

Herta Müller (Foto: Stephanie von Becker)
Herta Müller (Foto: Stephanie von Becker)

»Exil bedeutet auch heute noch Vergessen. Denn seit 1945 bis zum heutigen Tag wirkt das 'kommunikative Beschweigen' - so nannte Hermann Lübbe das große Verdrängen der Nazizeit. Man sprach im Nachkriegsdeutschland nicht darüber, dass ein angesehener Arzt Euthanasie-Mörder war, dass der respektable Jurist als Arisierungsverwalter Karriere gemacht hatte, der liberale Hochschullehrer erinnerte sich nicht, dass er in der SS war, der Rassentheoretiker konnte problemlos Gründungsmitglied einer Akademie werden und so weiter und so fort.

 

Nicht nur die Shoa, auch das Exil wurden ausgeblendet. Die ins Exil Getriebenen wünschte sich niemand zurück. Wenn sie dennoch kamen, störten sie nur. Die meisten vertriebenen Künstler hatte man nach ihrer Stigmatisierung als 'entartet' ohnehin vergessen. Auch in der Gruppe 47, die den Neubeginn der deutschen Literatur für sich in Anspruch nahm, 'beschwiegen' Mitglieder ihre Nazi-Vergangenheit und zeigten den Autoren des Exils ganz offen, dass sie unerwünscht sind.

 

Das Wissen über die Brüche und Abgründe des Lebens auf der Flucht, der kalte Zufall und das kleine unverhoffte Glück in den fremdesten Winkeln der Welt - also der dunkle Inhalt des Wortes Exil - fehlt in der Erinnerungslandschaft Deutschlands. Es gibt kein Museum des Exils, das diese Seite des Nationalsozialismus darstellt. Gerade deshalb sind die Tage des Exils in Hamburg so wichtig, um das Wissen über das Exil von damals und von heute zu verbinden.«

 

Herta Müller, 2016