Grußwort des Schirmherrn Abbas Khider

Zum DORT verflucht



Im Exil lernt man magnetisch anziehende und abstoßende Orte kennen, verweilt in fernen Staaten, wird als verstoßenes und exotisches Wesen angesehen, manchmal aber auch als unerwünschter Eindringling. Unvollständig und ängstlich – das sind nur zwei aus einer langen Liste von Adjektiven, die sich auf ein Nomen beziehen: Ankunft. Doch das Eintreffen findet nie statt. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist ein Exilant.

Man sucht das Gefühl der Geborgenheit DORT in der verlorenen Heimat, ignoriert das HIER und stellt sich DORT eine mögliche Zukunft vor. Der Körper befindet sich nun HIER, das Herz aber ist DORT. Man glaubt, für ein besseres Leben derjenigen zu kämpfen, die im DORT zurückgelassen wurden. Doch die Verlassenen haben einen längst vergessen. DORT nennen sie das gegenwärtige HIER ebenfalls ein DORT. Man selbst befindet sich irgendwo dazwischen. Für die Leute im HIER gehört man zum DORT, für die Leute im DORT gehört man ebenfalls zum DORT. Und wo steckt das HIER? Man ist ohne Halt, ohne Familie und ohne ein Gefühl von Sicherheit. Immer zum DORT verflucht.

Man versucht, Lösungen zu finden, der Leere eine Bedeutung zu geben, das Exil als Projekt zu gestalten. Man ist andauernd damit beschäftigt, die Fremde zu verfremden, um nicht seelenverwundet zu bleiben. Für eine Weile gelingt das, aber ganz bald entdeckt man, wie hoch die Feuchtigkeit im Herzen ist. Man ist nun ein schwebendes Wesen, etwas Unbestimmtes unter Bestimmten. Trotzdem sucht man nach Heilmitteln für diese Unbestimmtheit. Man findet sie nie, aber fühlt sich verantwortlich, bildet sich ein, eine universale Aufgabe zu haben. Reizvolle Illusion? Ja, es ist eine reizvolle und schmerzhafte Illusion, und sie ist der einzige Vorteil des Exils.
Hat das Exil nur diesen einen Vorteil? Das ist die Ansicht einer Person. Die Hamburger Tage des Exils laden dazu ein, das Exil in vielfältigen Variationen zu entdecken.



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